Eine Sommergeschichte aus der Projektwerkstatt

Von meiner Kooperationspartnerin Annette Berger, Projektwerkstatt.
Vielen Dank, Annette.

Rollen im ProjektDie Mutter sagt zu Rotkäppchen: „Geh und bring Deiner alten schwachen Großmutter etwas vom Kuchen und nimm ihr gleich die Flasche Medizin aus der Apotheke mit. Geh schön ordentlich auf dem Weg, sonst fällst Du und die Flasche zerbricht. Dann kann die Großmutter nicht gesund werden.“

Rotkäppchen ist sauer, immer muss sie zur Großmutter. Kann doch die Mutter selbst erledigen.

Als sie schlechtgelaunt und wütend durch den Wald läuft, begegnet ihr der Wolf. Der Wolf hat ein Grinsen im Gesicht und freut sich. Endlich hat er jemand, mit dem er sich über den neuesten Tratsch aus dem Dorf unterhalten kann. Rotkäppchen denkt: „Der schon wieder, der fehlt mir gerade noch. Vorige Woche hat der mich auch schon so blöd angemacht. Der verdient jetzt einen Denkzettel.“ Sie wartet bis er nahe genug ist, dann holt sie aus und verpasst ihm einen Tritt.

 

Moment, das stimmt so nicht . . .

Nach diesen wenigen Zeilen stellen Sie schon fest: „Hier stimmt was nicht, das passt so nicht. Die Geschichte vom Rotkäppchen ist so nicht richtig! Rotkäppchen ist ein freundliches Mädchen. Es würde niemals grundlos den Wolf angreifen. Und der Wolf ist eigentlich der Bösewicht in der Geschichte.“

Wenn wir Rotkäppchen und der Wolf hören, dann haben wir in etwa diese Vorstellung, dieses Bild von Beiden im Kopf:

 

Rollen im Projekt - das liebe RotkäppchenDie Rolle „Das liebe Rotkäppchen“

Wir würden erwarten, dass Rotkäppchen ein freundliches und hilfsbereites kleines Mädchen ist. Sie unterstützt die Mutter und kümmert sich liebevoll um die kranke Großmutter. Sie sammelt zur Freude der Großmutter Blumen im Wald. Sie erkennt in ihrer Unschuld und Gutmütigkeit die böswilligen Absichten des Wolfs nicht.

 

 

 

 

 

Rollen im Projekt - der böse Wolf

Die Rolle „Der böse Wolf“

Hier erwarten wir einen heimtückischen, berechnenden Wolf. Er ist einzig und allein auf seinen Vorteil, einen vollen Bauch, bedacht. Hinterlistig fragt er Rotkäppchen aus und schickt sie zum Blumenpflücken. In der Zwischenzeit erschleicht er sich das Vertrauen der kranken Großmutter und frisst sie auf. Aus lauter Habgier verschlingt er anschließend auch das Rotkäppchen.

 

 

 

 

 

Ein stimmiges Bild der Rollen

So in etwa ist die Geschichte wieder in Ordnung? Erinnern Sie sich? Als wir Kinder waren, haben uns unsere Eltern das Märchen von Rotkäppchen vorgelesen oder wir haben es in einem Märchenfilm selbst gesehen. Später haben wir es unseren Kindern vorgelesen.

Das liebe Rotkäppchen und der böse Wolf. Dieses Märchen hat uns als Kind eine Möglichkeit geboten, unsere Normen und Werte zu entwickeln, uns ein ganz individuelles Bild auf die Welt zu schaffen. In der Zwischenzeit haben wir auch gelernt, die Werte und Normen der Kindheit kritisch zu hinterfragen und anzupassen.

 

Rollenbilder machen uns das Leben leichter

Heute orientieren wir uns an unseren eigenen Werten. Dafür nutzen wir unter anderem Rollen. Eine Rolle verleiht dem Rolleninhaber eine Identität. Sie macht sein Handeln und Kommunizieren voraussagbar. Mit diesen Rollen verknüpfen wir unsere persönlichen Erwartungen an eine bestimmte Handlung, an ein Verhalten sowie die Art und Weise der Kommunikation. Das Verständnis von Rollen sorgt also für ein Maß an Klarheit im Umgang miteinander.

Wenn uns Rotkäppchen begegnet, würde sie uns ein freundliches Lächeln schenken und uns einen schönen Tag wünschen. Wenn wir den Wolf sehen, . . .

Intuitiv nutzen wir unsere Fähigkeit Personen in deren Verhalten und Kommunikation mit unseren Werten, unseren Rollenbildern abzugleichen. Wir können relativ schnell herausfinden, in welcher Rolle sich jemand befindet. Innerhalb von Sekunden sind wir außerdem in der Lage, Situationen zu bewerten: Ja passt oder hier stimmt irgendetwas nicht. Das ist sozusagen der Autopilot für die Einschätzung von Situationen.

 

Mit Rollenverständnis werden Situationen klar und einschätzbar

Warum geht es denn in meiner Geschichte so böse her zwischen Rotkäppchen und dem Wolf? Auf den ersten Blick ist das nicht erkennbar. Das Verhalten in der Situation entspricht erst einmal nicht unserem „klassischen“ Rollenbild von Beiden. Nutzen wir doch die Möglichkeit, mal genauer auf die Rollen zu schauen und erklären uns damit die Situation.

Rotkäppchen ist in den Rollen „rebellische Tochter“ und „aggressiver Raufbold“ unterwegs. Der Wolf hat die Rolle „freundlicher Nachbar“ eingenommen. Das „aggressive“ Rotkäppchen ist über die Forderung der Mutter sehr verärgert. Sie muss ihre Wut und ihren Ärger loswerden. Da kommt ihr der „freundliche Wolf“ gerade recht. Er kassiert die Prügel, weil er gerade zur „falschen Zeit am falschen Ort“ ist. Das zusammen ergibt diese explosive Dynamik zwischen den beiden.

Wenn es in Ihrem Berufsumfeld überraschend zwischen Rotkäppchen und dem Wolf kracht, dann können Sie sich mit Ihrem Rollenverständnis die Situation erklären.

Rollenverständnis verschafft uns einige weitere Vorteile in unserem täglichen Leben. Wenn Sie mehr über Rollen, Rollenkonflikte und Rollenklärung erfahren möchten, dann schauen Sie sich doch mal in meiner Projektwerkstatt um.

Ihre Annette Berger