Wissenstransfer-Barrieren. Was können Wissensarbeiter dagegen tun?

Keine Zeit für Wissenstransfer – 10 Tipps für WissensarbeiterInnen in Zeitnot

Teil 4

Keine Zeit für Wissenstransfer? Wir helfen WissensarbeiterInnen in Zeitnot mit unserer gemeinsamen Blogpostserie, Wissen wieder zu finden (howknow – Barbara Geyer-Hayden) und einfach mehr aus Ihrem Wissen zu machen (knowvis – Annette Hexelschneider).

„Wissensmanagement? Das kannst Du vergessen bei uns in der Firma, denn Wissen ist Macht!“ Manchmal traue ich mir gar nicht mehr, im Freundeskreis über meine Leidenschaft für Wissensmanagement zu sprechen, so desolat scheint die Situation in manchen Firmen zu sein. Und man fragt sich, wieviel mehr an Krise darf’s denn noch sein, bevor man sich auf den Wert des Wissens besinnt.

Desolat: „trostlos, traurig,…“ (Duden)

Barrieren für Wissensmanagement, Wissenstransfer

Trostlos traurig können einen Barrieren für Wissensmanagement, Wissenstransfer schon machen. Hier eine kleine Auswahl:

  • Da ist keine Zeit dafür, das hat jetzt keine Priorität.
  • „Unterschied zwischen dem Sagen und dem Tun des Managements.
  • Die anhaltende Ansicht, dass ‘Wissen Macht ist’.
  • Gleichgültigkeit in Bezug auf Wissensteilung.
  • Belohnungssysteme die Wissensteilung hemmen.
  • Verschiedenen Kulturen und Subkulturen.
  • Eine Überbewertung von Technologie oder inadäquate technische Hilfsmittel.“ (Allan et al., 2004)

Erschwerend kommt hinzu, das Barrieren untereinander in vielerlei verschieden Wechselwirkungen treten können. Es gibt:

  • neutrale Barrieren (keine Beeinflussung durch andere Barrieren, beeinflusst selbst nicht andere Barrieren),
  • exogene Barrieren (keine Beeinflussung durch andere Barrieren, aber beeinflusst selbst eine große Zahl anderer Barrieren),
  • endogene Barrieren (Beeinflussung durch einige andere Barrieren, beeinflusst selbst nicht andere Barrieren),
  • doppelte Barrieren (Beeinflussung durch einige andere Barrieren, beeinflusst selbst andere Barrieren). (Kern et al., 2008)

Natürlich kommt das alles nicht von ungefähr sondern entspringt u.a. dem Organisationsklima. Die Größe dieser Herausforderung sollte jedoch nicht abschrecken, sondern zu durchdachtem Herangehen anregen.

Was kann ein Wissensarbeiter tun?

Sicherlich, Sie haben vielleicht nicht die Rolle/Funktion/Möglichkeiten ganzheitliche Organisations-/Wissensmanagement-Entwicklung zu betreiben. Doch deshalb gleich aufgeben? Das widerstrebt mir als ostdeutscher Frau

Daher hier mein Vorschlag zu schauen, wo kann ich vielleicht etwas verändern:

  • Welche Barriere hemmt mich als Wissensarbeiter in dieser Firma besonders stark?
  • Wie äußert sie sich? Was könnten Ursachen bzw. Ursachen der Ursachen sein? Steht sie in Wechselwirkung mit anderen Barrieren? Hängt alles an einer Person? …
    Versuchen Sie möglichst viel zu erfahren über diese Barriere.
  • Kann ich daran etwas ändern? Für mich? Für uns? Kurzfristig? Langfristig? Wie könnte ich vorgehen? Welche xx Wege gäbe es? Welcher ist am besten geeignet? Tue ich es? Wann tue ich es? Welche Situation ist dafür günstig?

Das klingt aufwendig? Wieviel Zeit und Energie ist Ihnen die Beseitigung dieser Barriere wert? Vielleicht gehen Sie lieber geschickter mit dieser Barriere um, weil das weniger Zeit und Energie braucht?

Und noch ein Tipp: Lassen sie sich dabei Zeit für kreative Ideen.
Ich zwinge mich bei solchen Überlegungen nicht zu schnell zu sein mit den Antworten, sondern gebe mir Zeit und vertraue dabei darauf, dass mir meine Kreativität langfristig hilft. Mein “Mantra”: „Wieviel Barrieren habe ich schon in Leipzig, Stuttgart und Wien und in meinen fünf Monaten in Asien und Australien überwunden?! Auch wenn ich jetzt noch keine Idee habe, es wird mir eine geeignete Idee kommen.“ Diese Geduld und Konditionierung :-D haben mir oft geholfen. Wenn nicht, hilft Wissenstransfer ;-) Nämlich mit anderen Menschen zu sprechen und deren Lebenserfahrung im Überwinden von Barrieren zu nutzen.

Wie viel Lebenserfahrung zählen kann, habe ich im März in Linz erfahren. Auf der Service Design Jam in Linz gab es die Phase „Kontextuelle Interviews“ – 40 JammerInnen „fallen über LinzerInnen auf der Straße her“. Mit einem Teampartner habe ich rund um die Donau Menschen zu unserer angedachten Lebenswissen-Tansferplattform befragt. Und war überrascht, wie oft gesagt wurde, dass formale Qualifikationen derjenigen, die Wissen transferieren, schon nützlich sind, doch genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger war für die Befragten Lebenserfahrung – die Erfahrungswissen mit sich bringt und Vertrauen stiftet. Also, wenn Sie bei den Fragen oben nicht weiterkommen, fragen Sie einmal interdisziplinär: Menschen aus anderen Branchen, mit anderem Alter und mit Lebenserfahrung.

Was kann ein Wissensarbeiter gegen diese Barrieren tun?

Hier noch der Blick auf drei Barrieren und was Wissensarbeiter dagegen unternehmen könnten:

A) Keine Zeit.
Natürlich wäre es schön Zeitfenster zu bekommen. Doch wenn nicht: die mögliche Zeit kreativ wirksamer zu nutzen, wäre vielleicht ein Weg.
Wir stellen dafür in den folgenden Blogposts einige schnelle, kleinformatige, wirksame Wissenstransfermethoden
vor.
Auch hier im Blog finden Sie dazu Tipps, z.B. 3 hilfreiche Formate, um es kurz zusammenzufassen.

Und im Sinne der o.g. Checkfragen, vielleicht lassen sich in existierenden Formaten wie Arbeitsbesprechungen auch kleine Wissenstransferformate einbauen.

B) Eine Überbewertung von Technologie
„Wir haben doch SharePoint/unser Wiki/…, also alles lässt sich machen.“ Es gehören natürlich Mut und Energie dazu, zu sagen, wo etwas nicht funktioniert. Vielleicht wird man besser gehört, wenn mit konkreten Verbesserungsvorschlägen kommt. Die man selbst sieht oder im Austausch mit anderen Wissensarbeitern oder auf Veranstaltungen oder in Fachlektüre findet. Diese können in der Technologie liegen oder vielleicht in ergänzenden Maßnahmen.

Mir hat dazu der Beitrag „PM2gether – Wissensmanagement im Rahmen des Projektmanagements bei A1“ zu den Kremser Wissensmanagement-Tagen 2013 von Elisabeth Petracs gefallen, die ich aus der Gesellschaft für Wissensmanagement sehr schätze. Darin findet sich u.a. diese Idee: „… Unterstützung im Toolhandling. Dazu wurde eine „Sprechstunde“ eingerichtet. Einmal wöchentlich stehen die Toolexperten Rede und Antwort. Jeder Mitarbeiter, der Fragen hat, kann unangemeldet dazukommen, hier erhalten sie die notwendige Unterstützung.“ (Lutz, 2014, S.131) Diese Wissenstransfer-Hilfe spart sicher Zeit.

C) Meine Kompetenzen
Könnte vielleicht auch das eine Barriere sein? Ich selbst? Interessant finde ich es immer zu sehen, welche Aufgaben ich aufschiebe und warum. Was fehlt einem da, wenn man aufschiebt? Die erste Antwort ist sicher: “Zeit”. Und was noch? Z.B. Konfliktlösungskompetenz? Oder die entsprechende schöpferische Fähigkeit?

Ich schließe so wieder – wie in meinem ersten Beitrag zu dieser Serie – mit mir selbst. Natürlich wäre es schön, etwas in der Organisation ändern zu können. Und das sollte auch sein, wenn es sein muss. Doch vielleicht liegt auch in mir ein wenig eine Ursache für eine Barriere?
Kern et. Al (2008) klassifizieren Barrieren auch danach, auf welcher Ebene sie wirken:

  • auf individueller Ebene,
  • auf organisationeller Ebene,
  • auf Ebene der Technologie.

Und das erste Individuum in meiner Nähe bin ich :-)
Deshalb habe ich in meinem vorhergehenden Blogpost zu dieser Serie eine Checkliste für die konzentrierte Fokussierung beim Wissenstransfer (schöpferische Fähigkeit) vorgestellt, die ermöglichen soll, dass die Auswahl der Inhalte für den Transfer besser gelingt.

Den nächsten Tipp in unserer Serie gibt Ihnen Barbara Geyer-Hayden.

strong>Bisher erschienen:
Teil 1 Die Kompetenz Wissensorientierung entwickeln
Teil 2 Persönlichen Wissenstransfer zeiteffizient gestalten (z.Z. offline da Website überarbeitet wird)
Teil 3 Wissenstransfer – das Wesentliche wirksam transferieren. Wie kann das gelingen? Siehe oben.
Teil 4 Wissenstransfer-Barrieren. Was können Wissensarbeiter dagegen tun? 
Teil 5 Wann ist persönlicher Wissenstransfer zeiteffizienter als Informationsdokumentation? (z.Z. offline da Website überarbeitet wird)
Teil 6 Spart Enterprise 2.0 Zeit beim Wissenstransfer? (z.Z. offline da Website überarbeitet wird)
Teil 7 3 zeit-effiziente Wissenstransfer Methoden (z.Z. offline da Website überarbeitet wird)
Teil 8 Zeiteffizienter Wissenstransfer – 3 weitere Methoden
Teil 9 3 Arten von Wissenslandkarten für visuellen Wissenstransfer

Quellen
(Allan et al., 2004) Allan, Neill, Heisig, Peter, Iske, Paul, Kelleher, Dominic, Mekhilef Mounib, Oertel, Regina, Olesen, Annie Joan, Van Leeuwen , Manon (ES) (2004) Europäischer Leitfaden zur erfolgreichen Praxis im Wissensmanagement (European Guide to Good Practice in Knowledge Management). CEN/ISSS Knowledge Management Workshop. Brüssel

(Kern et al. 2008) Kern, Eva-Maria, Koch, Michael, Fiechter, Carolin: Knowledge Barriers in CD&E Projects in the German Federal Armed Forces. In: Proceedings of the I-KNOW ‘08 and I-MEDIA 08, Graz, Austria, September 3-5, 2008

(Lutz, 2014) Lutz, Benedikt Hrsg. (2014) Wissen nimmt Gestalt an. Beiträge zu dem Kremser Wissensmanagement-Tagen 2013. Edition Donau-Universität Krems, 2014

Logo der Blogpost-Serie „Keine Zeit für Wissenstransfer?“ gestaltet von Annette Hexelschneider (CC BY 3.0) unter Verwendung des Icons Memory designed by Anne-Marie Nguyen (CC BY 3.0), thenounproject.com

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Von | 2017-09-28T09:55:15+00:00 8. Mai, 2014|Wissenstransfer|

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